HAIBUN
WORT UND BILD

 

Vladimir Devidé - Nada Žiljak

Meinen Haiku-Freunden gewidmet:

Dipl. Ing. Rikardu Bariću,
Dr. Draženu Gorjanskom,
Dr. Franji Jugu i
Dipl. Oec. Ivanu Šimunoviću

V. D.
Deutsche Übersetsung von Dr. Lydia Brüll

UDK 886.2-1
DEVIDƒ, Vladimir
Haibuni : riječ i slika / Vladimir
Devidé; < ilustracije > Nada Žiljak.
- Zagreb : FS, 1997. - 79 str. : ilustr.
u bojama ; 27 cm
ISBN 953-6052-88-1
970528089
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Vorwort und Dank

Dieser Band enthält Haibun aus meinem Buch ‘Bijeli cvijet’ (Weiße Blume) aus den Jahren 1988 und 1994 und einige Haibun, die danach in japanischen, amerikanischen und kroatischen Literaturzeitschriften erschienen sind.

Im Gegensatz zu den früheren Ausgaben, sind in diesem Band den Haibun Illustrationen beigegeben. Hierfür gilt mein großer Dank Frau Nada ģiljak, die niemals müde wurde, meinen Erläuterungen über die näheren Umstände, unter welchen die einzelnen Haibun entstanden, zuzuhören. Die Bilder geben dem Geschriebenen nicht nur eine neue Dimension, sondern verleihen der Motivation und der Botschaft dieser meiner Haibun einen tieferen Gehalt und eine größere Transparenz, als dies mit Worten allein möglich ist.

Meinen Dank möchte ich auch all jenen in Kroatien, Slowenien und Japan aussprechen, die aufgrund unserer Begegnungen während des letzten halben Jahrhunderts den Stoff für diese Haibun lieferten.

Weiterhin danke ich allen Mitarbeitern der FS Company, ohne deren professionelle Arbeit das äußere Erscheinungsbild dieses Buches wesentlich anders ausgefallen wäre.

Mein besonderer Dank gilt Frau Dr. Lydia Brüll, die mein Buch freundlicherweise in die deutsche Sprache übersetzte. Die Zusammenarbeit mit ihr bereitete mir große Freude, nicht zuletzt deshalb, weil damit meine Haibun auch der deutschen Leserschaft zugänglich gemacht werden. Falls die deutschen Leser beim Lesen meines Buches Genuß empfinden, so ist das das Verdienst von Frau Dr. Brüll.

Zagreb, den 12. Mai 1999

Vladimir Devidé

VLADIMIR DEVIDÉ wurde am 3. Mai 1925 in Zagreb geboren. B.Sc. (Ingenieurbau), 1951 und Dr. sc. math., 1956. Ordentlicher Professor em. der Universität Zagreb und Ordentliches Mitglied der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Forschungsstudien in Israel (1960) und in Japan (1961-1963).
Gastprofessor an der Monash University, Australien (1968) und an der Ohio State University in Colombus, USA (1971). Teilnahme an zahlreichen internationalen mathematischen Kongressen und Symposien. Kroatischer ‘Ruūer BoĻkoviś’ Preis für Wissenschaftliche Leistungen (1965), Preis der Stadt Zagreb (1982), ‘Le Prix CIDALC’ (1977) und der Japanische Orden vom Heiligen Schatz (1983).
Auf dem Gebiet der Mathematik publizierte er 40 wissenschaftliche Aufsätze und über 200 Essays und Artikel, und hielt über 60 öffentliche Vorträge (Vorlesungen) über seine wissenschaftliche Arbeit. Er publizierte 15 Bücher über Mathematik.
Auf dem Gebiet der Japanologie und Literatur veröffentlichte er in kroatischen, amerikanischen, japanischen, deutschen usw. Literaturzeitschriften und Magazinen über 200 Essays und Artikel und 16 Bücher.

NADA ZILJAK wurde 1944 in Zagreb geboren und entstammt einer Kunstmaler-Familie. Im Jahr 1967 schloß sie ihre Ausbildung an der ‘Akademie der bildenden Künste’ in Zagreb und 1970 die Ausbildung in ihrem Spezialfach ab. Sie ist freiberufliche Künstlerin. Sie arbeitet in verschiedenen Techniken: Öl auf Leinwand und Papier, Zeichnungen, Wasserfarbe, Pastellmalerei, Graphik, Radierung, Linolschnitt.

Über ihr Werk sind viele Publikationen erschienen; eine Monographie über Zeichnungen im Jahr 1995 und 1993 eine von –uro Vanūura verfasste Monographie. Monographien über ihre Arbeiten in Wasserfarbe und ihre Linolschnitte sind in Druck. Ihre Kunstwerke sind in vielen Museen der Welt und in privaten Sammlungen zu finden. Sie hatte über 30 Einzelausstellungen in Kroatien, Österreich, Ungarn, Ägypten, Bosnien und Herzegowina, Deutschland und der Ukraine. (1997)
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Gras

Ich liege im Gras und bin kurz vor dem Einschlafen, Halme in Grün stehen ganz nah bei mir, und weit jenseits von ihnen sind die blauen Berge.

Auf dem Boden liegen Kieselsteine, im Gras verstreut, Insekten krabbeln die Grashalme entlang, und kleine Fliegen huschen zwischen ihnen hin und her, ganz nah.

Die fernen Berge sind mit Wäldern bedeckt und zu ihren Füßen breiten sich Städte aus - Menschen leben und arbeiten dort. Weit weg, unendlich weit weg.

Zwischen dem mich dicht umgebenden Gras und den fernen Bergen ist nichts, nicht das Geringste ist zwischen beiden. Die Berge heben sich aus dem Gras empor, die Berge sind im Gras, die Berge sind das Gras. Die Grashalme sind Bäume in den fernen Bergen, und die Kieselsteine auf der Erde sind ferne Städte.

Die Insekten und Fliegen im Gras sind die Menschen in den fernen Städten und die hundert Jahre alte Kiefer auf der Bergspitze
ist ein dünner Grashalm,
dieser hier, der direkt zum Himmel weist.

Ich liege im Gras -
nicht das Geringste ist vor
den fernen Bergen.

Wolken

Den Himmel durchsegeln sie, die Wolken, und entschwinden und tauchen wieder auf wie Seelen, wie Gedanken, wie Liebende.

Durch und durch weiß und weich, makellos, bilden sie das Dach über dem Zuhause der Vögel, sich ihrer selbst nicht bewußt, leben und sterben sie in Verwunderung, in Jubel, in Gelassenheit, denn sie sahen das Leben über der Erde.

Sind sie über Schmerz und Freude erhaben, so erhaben, daß alles, was sie sehen, nur noch ganz winzig wie Spielzeug erscheint, dann ballen sie sich zusammen und lösen sich wieder, füllen Leerräume und lichten unendliche Weiten. Stets im Wandel, von Augenblick zu Augenblick, immer auf dieselbe Weise, seit ewigen Zeiten, lang vor den Pharaonen.

Grämen sich jedoch die Wolken, müssen sie eine schmerzliche Entscheidung treffen, dann sitzen sie, bevor sie in Tränen ausbrechen, ernst und düster im Schatten unter der Sonne, tief in Gedanken versunken - und dann herrscht Stille.

Finstere Wolken
sinken auf die Erde herab:
welche Trostlosigkeit.

Regen

Himmel breitet sich über einem Netz von Zweigen aus: an sternenübersäten Gefilden vorbei fällt aus einem Wolkengewirr Regen herab. Feuchte Funken umschwirren das Licht.

Sie glitzern im Haar - inmitten schwarzer Fäden vor nächtlichem Vorhang - Reste ausgebrannter Perlen.

Wenn nur die Tropfen nicht von den Augenwimpern gleiten würden! Blickt man in sie, versprüht sich ein jeder in hundert tanzende Funken: Ein Schleier silberner Funken wandert zwischen den Sternen.

Die Augen - für ewig, warme Sterne, in Splittern eines sich versprühenden Herbstes

Wie lieblich es ist,
in holde Augen zu blicken
durch Regentropfen -

- durch Regentropfen auf Augenwimpern.

Wirbelwind

Ein heftiger Wirbelwind treibt dunkle und schwere Wolken vor sich her. Sein Heulen ist zu hören, wenn er die Baumstämme zersplittert, sein Gellen, wenn er sich an den Hügeln bricht. Dieser Himmelsdämon fällt über Wälder und Felder her, droht mit seinen befreiten titanischen Fäusten. Der Ausreißer-Gigant zerbricht seine Ketten, Schaum vor seinem Mund, und stürzt blindlings in die Täler, um sie zu zerschmettern und zu zermalmen. Der Blitz ist sein Blick, der Donner der Schlag seiner Faust.

Sobald er die gegenüberliegenden Berge erreicht hat, fällt er wie eine verwundete Bestie über sie her. Die Hügel zerreißen ihn in Stücke - wohin kann er gehen, was kann er tun, was kann er zerstören? Er fängt an zu wanken; seine Schläge werden seltener, sein Tosen nimmt ab.

Er fällt. Sie haben ihn getötet.

Des Donners Krachen
stürzte blindlings, leblos,
vom Himmel zur Erde.

Und nachdem er gefallen ist, bricht der Wirbelwind in Tränen aus, und dicke Regentropfen beginnen friedlich zu fallen, um das Gras zum Leben zu erwecken und die Wunden der abgebrochenen Zweige zu waschen. Er beruhigt sich und fällt in Schlaf, benetzt von den warmen Tränen. Alles atmet Ruhe, und die Vögel und die Grillen schweigen. Selbst die Zeit hält voller Ehrfurcht inne, beim Tod des gebrochenen Giganten.

Bach

Als ich einmal die Straße entlangwanderte, nach der Heuernte, sah ich in der Ferne ein Mädchen mit glattem, flaxblondem Haar; mit offenem glattem Haar - dem Wasser gleich, das über einen runden weißen Stein in einem Bergbach fließt, immer dann, wenn es stark regnet oder im Frühling, wenn der Schnee auf den umliegenden Hügeln schmilzt.

Ich weiß nicht, ob sie hübsch war; nur für einen Augenblick sah ich ihre großen blauen Augen.

Ich sah sie niemals wieder, aber in meinen Gedanken hielt ich lange, lange Zeit, Tag und Nacht, nach dem Mädchen mit dem glatten, flaxblonden Haar Ausschau.

Über rundem Stein
das Wasser eines Bergbachs
- Haare eines Mädchens.

Gern würde ich ein paar blaue Blumen auf der Wiese pflücken, um sie in das flaxblonde Haar zu flechten; Vergißmeinnicht und blaue Glockenblumen.

Wo ist es jetzt, jenes Mädchen mit dem flaxblonden Haar? In der Milchstraße findet sich nur ein Abglanz ihres Haares. Im goldenen Stroh des reifen Korns sind einige Haarsträhnen. Und jedesmal wenn ein Strahl der untergehenden Sonne durch die Kiefern dringt und das Wasser berührt, gleitet noch immer eine einzelne Locke über den runden Stein im Bergbach dahin.

Brombeeren

Der Ruf des Schneehuhns ist ein Gesang der Liebe -

- ein Ruf des Schneehuhns im Wald, inmitten des Wacholders.

Und das Zirpen der Grillen ist ein Gesang der Liebe -

- das Zirpen der Grillen auf dem Acker, nach dem Regen.

Und das Flattern eines Schmetterlings ist ein Gesang der Liebe -
- das Flattern des Schmetterlings; seine Flügel beim Flug.

Und der Duft der Blumen ist ein Gesang der Liebe -
- der Duft der Blumen auf dem Feld, nach Sonnenuntergang.

Und das Blau des Himmels ist ein Gesang der Liebe -
- das Blau des Himmels am Himmel und jenseits des Himmels.

Und das Flüstern eines Betenden ist ein Gesang der Liebe -
- das Flüstern eines Betenden in der Kapelle.

Und die Liebe selbst ist ein Gesang der Liebe -
- ein Liebeslied über einen Gesang der Liebe.

Abend, Dämmerung -
beim Durchwandern einer Wiese
neben Brombeeren.

Herbst

Sie steigen vom Himmel herab um die Erde zu trösten - unzählige Regentropfen: sie breiten ihre Schleier vor den fern liegenden Bergen aus, um uns in Frieden träumen zu lassen.

Der Herbstregen hat die herbstlichen Blumen und Gräser und die herbstlichen Blätter gewaschen und jetzt nimmt er mit sanftem Geflüster Abschied, zufrieden und erfreut. Und jeder Regentropfen birgt sein Licht, seine Melancholie in sich und trägt die Farben des Herbstes und wäscht von der Seele Angst und Unzufriedenheit weg und birgt weiterhin Licht und Melancholie.

Abgefallene
Herbstblätter - auf dem Weg,
vom Regen durchnäßt.

Sonnen leuchten in den Augen und verteilen sich in Tröpfchen auf dem einem Spinnennetz gleichenden Haar, leuchten in andere Augen und rund umher - auf dem Boden, auf den kahlen Bäumen und am Himmel, inmitten der Sterne.

Und es ist bereits Nacht, und der Regen glitzert noch, er hebt den Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit auf und hebt alles Zeitliche auf und hebt alles Räumliche auf. Jeder einzelne Tropfen, jeder einmalige Tropfen: Welten spiegeln sich in ihm.

Verstreut die Sterne.
Sonnen in dem Auge.
Ein Abend im Herbst.

Jahreszeiten

Frühlingsmorgen. Ein blauer Schmetterling, vom Himmel erschaffen, umflattert den gelben Löwenzahn - kehrt zur Sonne zurück. Vom Frühling gebracht, bringt er den Frühling.

Blauer Schmetterling!
An seinen Flügeln fing ich ihn
- und ließ ihn fliegen.

Sommermittag. An der Straßenbiegung, nahe dem Bach am Rand einer klaren Wasserlache, wachsen neben durchnäßten Kieselsteinen und feuchten Blättern des letzten Herbstes fleischige Stengel und lederartige Blätter und metallene Blumen: Blüten mit goldenen Blättchen und Staubgefäßen voll goldenen Puders und dünnen goldenen Fäden.

Goldene Blumen -
auch nicht eine einzige
werde ich pflücken.

Herbstabend. Letzte Strahlen der untergehenden Sonne kämpfen sich ihren Weg durch die Blätter des Weins. Der mit Moos bedeckte Eichenstumpf und der Adler hoch über der Quelle bewahren das Geheimnis des Berges.

Das Licht der Sonne
scheint durch herbstliche Blätter: gelb, golden, braun, rot.

Winternacht. Eisnadeln am dunklen Himmel. Die Schatten im Mondlicht aus blauem Stahl. Harzige Zweige glimmen im Kamin.

Fenstervorhänge
fallen herab. Großmutter
schließt ihre Augen.

Kinder

Eine gerade, staubige Straße. In der Nähe bauen Kinder ein Lehmhaus. Gänse überqueren eine hinter der anderen die Straße. Von fern nähert sich ein alter Schulbus.

Staubige Straße...
Die Bushupe ertönt -
Kinder winken.

Ich weiß ganz genau, daß der Bus selbst hupt und nicht der Fahrer.

Eine Waldwiese ist von Bäumen umgeben. Kinder tollen auf ihr herum, versuchen einander zu fangen.

Eine bunte Schar
Kinder laufen kreuz und quer
über grüne Wiesen.

- Und etwas weiter

Ein junger Hund rennt
den Hügel hinauf. Kinder
rennen ihn hinab.

Hütten am Waldesrand. In einem der Gärten streichelt ein kleines Mädchen ein Huhn, das es mit sich herumträgt.

„Käsekuchen mag
ich am liebsten“, sagte sie,
„und Brot mit Schmalz.“

Veilchen

Vor einem Haus in Tokio, das von ausländischen Matrosen aufgesucht wird, steht ein Mädchen und verkauft Veilchen.

Seine ältere Schwester ist im Haus (der Vater starb bei einem Unfall und sein Bruder studiert an der Universität, so daß er nicht genug Geld verdienen kann).

Heute kommen keine Matrosen (sie sind grob, widerlich und kauen Kaugummi - aber wie auch immer, sie zahlen und lassen Schockolade und Zigaretten zurück). Heute kommen einige Fußballspieler aus einem fernen kleinen Land Europas.

In ihrer Heimat sind sie sehr beliebt: die Zeitungen schreiben über sie und drucken Fotos von ihnen ab, die junge Mädchen ausschneiden und in ihre Tagebücher kleben oder zu ihrem Fernseher stellen - sogar in ländlichen Gegenden.

Sie sind betrunken. Nachdem jeder sein Vergnügen hatte, fällt die ältere Schwester in Ohnmacht. Einer der Fußballspieler versucht, sie mit Kognak wiederzubeleben, aber es gelingt ihm nicht. Schließlich machen sich die Spieler, ohne zu zahlen, davon und trinken noch den Rest des Kognaks.

Das Mädchen wartet immer noch auf seine Schwester; es ist kalt und regnet, aber es kann nicht allein nach Hause gehen. Noch weiß es nicht, daß seine ältere Schwester ihm heute keine Schockolade bringt.

Regennasse Nacht;
ein Mädchen bietet feil
verwelkte Veilchen.

Mutter und Tochter

Oben im Zimmer legt die Mutter weißes Linnen und Wäsche in einen weißen Schrank für ihre Tochter beiseite; sorgfältig, übersichtlich, sauber.

Sorgfältig weggelegt
in einen weißen Schrank:
Tochters Aussteuer.

Unten im Garten pflückt die Tochter Mohnfrüchte.

In einem schlichten Kleid fegt sie den Weg und ist die Königin der Blumen und Schmetterlinge. Sie läuft barfuß über die Erde, das Gras - Göttin von Erde und Gras. Sie aß einen Pfirsich und warf den Stein weg - Gebieterin der Frucht, der Sonne, des Himmels. Sie ist die Gebieterin, die Königin und Göttin von der Erde bis zum Himmel.

Mit ihren Händen
pflückt sie reife Mohnfrüchte,
wirft sie in den Korb.

Während die weiße Bettwäsche im weißen Schrank schläft, breitet die Tochter ihre Arme und ihr Haar über den Garten aus, und während der Mondschein das Linnen bleicht, verwebt die Tochter die Sonne mit ihrem Haar.

Wiese

Müde, unendlich müde, sah ich dich die durch den Sturm herabgefallenen Äpfel aufsammeln. Nasse Äpfel aus nassem Sand im Hof;

müde beobachtete ich, wie du die Wäsche aufhingst: weiß, sauber, eben erst gewaschen;

müde beobachtete ich, wie du Milch aus dem Nachbardorf über die Felder trugst -

ich weiß genau, daß ich dir niemals etwas sagen kann - aber das stimmt mich nicht traurig: deine Anwesenheit bedeutet Anwesenheit von Glück;

ich weiß, daß ich niemals deine Hand berühren oder dein Haar streicheln kann - aber
es stimmt mich nicht traurig: dein Haar ist
ein blauer Lenz und deine Hand ein weißer Engel;

ich weiß, daß ich weggehen und viel früher als du zurückkehren muß - aber es stimmt mich nicht traurig:

du wirst in deinen Feldern und Wiesen sein, in deinen Bergen -

Wiese: ein grünes,
gelbes, weißes, blaues,
rotes Meer.

Abend in einem kalten Zimmer

Ein ungeheiztes Zimmer. Draußen bläst ein kalter Wind, es gießt in Strömen. Ein weißer Emaileimer ist voll mit Wasser.

Mansardenfenster:
Von des Apfelbaums Blättern
tropft Regen herab.

Ein Mädchen in einer blauen Schürze bringt eine Schale Milch. Eine dicke, schwere, warme Porzellanschale.

Beim Heraufkommen
über die Treppe aus Holz
- der Laut ihrer Schritte.

Der Regenschauer hält inne. Dunst steigt vom Rasen auf. Die heiße Milch dampft aus der dicken Schale - und an der Oberfläche hat sich eine Haut mit gelblichen Ringen gebildet.

Die Kirche ruft zur Vesper - die Glocke läutet, dann noch einmal, und dann ein ganzer Schwall von Klängen.

Die weite Wiese
im Glockenklang versunken.
Ich hör’ noch ihre Stimme.

Der Wind hat sich gelegt. Der Himmel ist mit Wolken bedeckt. An einer Stelle flackert ein matt-fahler Stern, ein Tropfen Milch im Zwielicht.

Der Stamm des Apfelbaums unter dem Fenster wird nicht mehr beleuchtet - vielleicht schläft das Mädchen in der blauen Schürze bereits.

Leichter Abendwind -
die blauen Berge treiben dahin-
Träume träumend.

Weiß und Blau

Die Berge waren noch mit schneeigen Blumenblättern betupft, und die Wiesen bereits mit Gänseblümchenflocken bedeckt. Von den Berggipfeln strömte Weiße in die Täler, in milchige Kübel.

Weißer Schnee,
weiße Gänseblümchen,
weiße Milch.

Der Rasen war voll von Vergißmeinnicht, Tropfen eines Regenschauers aus klarem Himmel. Auch ihre Augen waren zwei Vergißmeinnicht.

Blau ist der Himmel,
blau die Vergißmeinnicht,
blau sind die Augen.

Am Rand der Berge begegneten weißer Schnee und blauer Himmel einander, und im Gras weiße Gänseblümchen und blaue Vergißmeinnicht. Ringe blauer Iris schweben in weißen Augen.

Wie soll ich sie vergessen, wenn ich weiß, daß sie aus jedem Vergißmeinnicht blickte, an jeder Fichte stand und auf jedem Stein saß, aus jedem Vogel sang und aus jedem Stern strahlte und mit jeder Mücke in den Wolken über dem See tanzte?

Weißes Licht in
blauer Dämmerung: Ihre Augen -
Messe der Stille.

Alpenveilchen

In der Mitte des Hofes wächst ein Berberitzenstrauch. Im Schatten seiner Zweige pflanzte sie einst ein paar Alpenveilchen aus dem nahen Wald. Sie blühten jedes Jahr. Später brachte auch ich ein Alpenveilchen und pflanzte es neben ihre.

Viele Herbste später kehrte ich wieder zurück, aber die Alpenveilchen waren nicht mehr da.

- Deine Alpenveilchen blühen nicht mehr?

- Sie bekommen hier jetzt zu wenig Licht... Es stand auch eines von Ihnen hier.

An jenem Abend waren die Kleewiesen grüner, die Wolken höher, die Schatten der Berge tiefer; denn sie sprach jenes „Es stand auch eines von Ihnen hier“ ein bißchen leiser aus.

Berberitz-Schatten
und rote Alpenveilchen.
Himmelblaue Erinnerung.

Heft

Er arbeitete in einem bestimmten Konsulat in Tokio, stellte sich japanischen Mädchen jedoch als „Jean Paul, französischer Pilot“ vor.

- Ich traf ein reizendes Mädchen aus der Höheren Schule, sagte er. Es lernt Englisch,
ist sehr fleißig, versteht viel, aber es sagt,
daß es noch Konversation üben wolle. „Nichts einfacher als das“, sagte ich, „komm zu mir und wir betreiben etwas Konversation. “ Am gleichen Nachmittag kam es zu mir; es hatte ein neues Heft mit Linien, einen neuen Radiergummi und einen spitzen Bleispift gekauft. Es wollte wirklich Englisch lernen! „Du bist tatsächlich etwas naiv,“ sagte ich in unserer Sprache zu ihm und stieß es nieder und begann, es auszuziehen; es sträubte und wandt sich, und schlug mit seinen Füßen wie ein Füllen aus, rief, brüllte, schrie gellend nach seiner Mutter, damit sie ihm helfe. Aber ich war gerade um jenes bißchen stärker. Das Mädchen war noch Jungfrau. Auch danach schluchzte und wimmerte es noch und konnte kaum aufstehen und weggehen. Es nahm sein neues Heft und den Radiergummi und den spitzen Bleistift und verschwand, ohne Aufwiedersehen zu sagen. Und da spricht man noch von den höflichen Manieren der Japanerinnen.

Großer Gott! Du, der Du uns allen vergibst...Du würdest auch ihm vergeben.

Vielleicht liegt genau darin Deine Größe, daß Du selbst i h m vergibst...

Aber... w i e k a n n s t D u ?

Das Mädchen geht fort
mit ihrem neuen Heft -
aufgelöst in Tränen.

Weiße Windröschen

Eine weiße Blume ist das Bild eines weißen Kusses, ihr Duft ist der Duft von schwarzem Haar:

wie Hunderte von weißen Windröschen unter den schwarzen Bäumen verstreut, verschwinden sie in dem schwarzen Haar - Hunderte von weißen Küssen.

Weiße Blumen wachsen auf den Berghängen; ihre Gipfel sind in weißen Schnee gehüllt, unter weißen Wolken -

- ertrunken in schwarzer Nacht, weiße Küsse verweben sich mit ihm, verirren sich in ihm, dem schwarzen Haar.

Komm, laß uns über den schwarzen Wald hin zu den Wiesen fliegen, zum Quell, wo der Schnee schmilzt: aus seinen weißen Flocken sprießen die weißen Blütenblätter der Windröschen - jetzt, in dieser schwarzen Nacht unter weißen Sternen.

Schwarze Kiefern werfen weiße Schatten, um weiße Windröschen zu verstecken. Nadeln werden sich in deinem schwarzen Haar verfangen, werden weiße Küsse in sich bergen.

Schau: siehst du dort unten einen schwarzen Bach fließen - wogende Locken schwarzen Haars. Und lausche: hörst du das weiße
Röhren des Rothirschs, wie es von
dem schwarzen Felsen zurückhallt?

Schwarzes Haar
neben weißen Windröschen -
sternklarer Himmel.

Papierblume

Früh am Morgen erhielt ich eine Papierblume in einem Brief von ihr. Legt man diese Blume in das Wasser, geht sie auf und blüht wie eine echte.

Wie viele Male wollte ich sie bereits in das Wasser legen, aber ich brachte es nicht übers Herz. Ich wußte, einmal im Wasser, würde sie rasch vergehen.

Noch zögere ich. In ihr sehe ich das Mädchen, das mir diese Blume sandte, und ich möchte mir mit dieser Blume eine Knospe für ewig bewahren.

Gelegentlich kamen mir jedoch Zweifel. Ist nicht eine ewige Knospe tot, bevor sie je geboren wurde? Hat sie denn überhaupt eine Art von Lebendigkeit?

Eine Papierblume -
hellblau in ihrer Farbe,
zart die Blütenblätter.

Es ist bereits Nacht geworden; bald gehe ich zu Bett. Je näher dieser Augenblick heranrückt, um so schwieriger wird es für mich: Ich weiß nicht, weiß es wahrlich ganz und gar nicht, soll ich die Papierblume ins Wasser legen oder nicht, bevor ich mich schlafen lege.

Kiefernpilz

Ein kleiner Kiefernwald, Sand. Bauersfrauen sammeln winzige weiße und grau-braune Pilze, Kiefernpilze genannt, mit Harken ein.
Geschlossene Augenlider: eine gebogene Linie, den Schwingen einer fliegenden Seemöwe gleich. Unten: das blaue Meer, Fischer. Die Frauen breiten wakame, Seetang, zum Trocknen aus.
- Schau, ein Vergißmeinnicht!
Ein Hügel: eine Dachziegelfabrik - die Öfen brennen Tag und Nacht glasierten Ton. Schwarze und rote Ziegel glänzen auf den Dächern, als ob der Regen sie soeben gewaschen hätte.
- Warum...Warum lieben wir einander so sehr?
Die Küstenlinie macht eine Biegung, schlängelt sich
und läuft geradeaus. Das Meer, der Seetang und die Muschelschalen, von Ebbe und Flut zurückgelassen, folgen ihr; Sand, Kiefern.
Wenn Regen fällt, ist es völlig still. Sanft rinnt er die glänzenden Ziegel entlang.
Die ganze Nacht, das unendlich lange Haar: schwarze Wogen von Haar und Meer; der Duft von Haar, Kiefern, Meer.
- Zutto isshoni - für immer zusammen; immer, immer zusammen.
Entlang des schmalen Pfades stehen kleine Schreine für Jizo, den Barmherzigen. Reisfelder und Kamelien. Eine alte Frau mit einem Bündel Brennholz.
- Bist du glücklich? Gefällt es dir hier?
Zwei Kinder schleppen ihre schweren Schultaschen. Nur Bummelzüge halten hier in Tsunozu. Die anderen rasen durch und halten bis Hamada nicht.
Die Küche: Pilze, Gemüse, Nori-Seetang, Fisch, Orangen. Gaben des Berges, Gaben des Meeres.
- Ich komme, sobald ich das Geschirr gespült habe, zurück. Ich bringe den Tee mit.
Die Haut des Halses ist weich und seidig - das Blut pulsiert, das Herz, das ganze Mädchen, alles in der Welt.
Vor fünfhundert Jahren lebte nicht weit von hier der große Meister Sesshu. In einem von ihm errichteten Garten, wächst immer noch eine Kiefer in der Gestalt eines Kranichs, und unter dem Moos sind noch Steine in der Gestalt einer Schildkröte zu sehen; Symbole für langes Leben.
Die Haut des Halses ist weich und seidig - das Blut pulsiert, das Herz, das ganze Mädchen, alles in der Welt.
Es heißt, daß die älteste Kiefer in Tsunozu vor mehr als tausend Jahren von dem Dichter Kakinomoto no Hitomaro gepflanzt wurde. Einige seiner Verse sind in einen Stein in der Nähe der Kiefer gemeißelt; darin bittet er den Hügel Takatsunoyama, den ‘hohen Berg von Tsunozu’, beiseite zu gehen, weil er ihm den Blick auf seine hier ruhende Frau versperre.
Die Haut des Halses ist weich und seidig - das Blut pulsiert, das Herz, das ganze Mädchen, alles in der Welt.
Kiefernpilz,
Sand - die Seemöwe
unter schwarzem Haar.

Ströme weißer Pünktchen

Ein schmaler Strom weißen Rauchs schlängelt sich dahin, steigt empor, bis er sich an der Zimmerdecke verflüchtigt. Eine zarte Locke schwarzen Haars löst sich und fällt über Schläfe, Wange, Hals und breitet sich in der Vertiefung unter dem Schlüsselbein aus.
Im Zimmer unter dem Fenster zeichnet sich das waagrechte Rechteck des weißen Bettes ab. Gegenüber dem Fenster erhebt sich das senkrechte Rechteck der Wand des Nebenhauses.
Blumentöpfe mit roten, rosa und weißen Blüten stehen nebeneinander auf dem Balkon. Wenn die Erde, in der sie wachsen, durch die Sonne trocken ist und sie gegossen werden, nehmen sie das Wasser ebenso gierig auf wie Lippen die Küsse, und das über die Töpfe laufende Wasser rinnt die betonierte Balkonwand herab und diese wird mit neuen Farben zum Leben erweckt.
Der Boden vor dem Haus ist mit kleinen gelben Kügelchen abgefallener Lindenblüten bedeckt, und inmitten des Gelb liegt ein, nur ein einziges rotes Blumenblatt, das von der Veranda fiel.
Er weiß, daß, wenn Vesna mit Blick auf die Blumen sagte: „Schaut uns an, schaut uns an, wie hübsch wir sind!“ nicht Vesna es war, die dies sprach, sondern die Blumen selbst.
Draußen betet, vergibt, segnet, lächelt, versteht, weiß der Regen...Er badet die Blätter, küßt die Blumen, liebkost die Mauern... Sie bereiten ihr Freude, sie
bereitet ihnen Freude; Entzücken, Frieden.
Lächelt Vesna, fließen dichte Ströme weißer Pünktchen über einen Streifen neben ihren Augen. Einer läuft von links nach rechts, der andere von rechts nach links. Sie treffen einander und streuen sich aus, unzählige weiße Pünktchen. (Sie sind Kinder der Sterne.) Er sieht sie, er sieht sie deutlicher und mit größerer Gewißheit als die Augen selbst, denen sie entspringen, und er weiß, daß er sie sieht, und weiß, daß das, daß er sie sieht, d i e W a h r h e i t ist.
Schaut uns an, schaut uns an, wie hübsch wir sind!
Kinder der Sterne
fließen zwischen den Augen:
durch und durch weiß.

Brief

Er verliebte sich in sie nicht nur, weil sie sehr hübsch war. Tatsächlich war er auch von ihrer Intelligenz beeindruckt, denn so wie eine häusliche und einfache Frau ihren Charme und ihre Schönheit besitzt, so auch eine wirklich intelligente. Aber es gab noch etwas, das weit über dies hinausging, was seine Liebe zu ihr weckte.

Er bemerkte jedoch auch, daß andere sie genauso liebten, und sie mehr Recht dazu hatten, weil sie viel mehr Möglichkeiten hatten, - um es vereinfacht auszudrücken - sie glücklich zu machen.

Und so gestand er ihr niemals seine Liebe ein, sondern begnügte sich mit einem regnerischen Abend, mit seinem bis zu der Nase geneigten Schirm, damit sie ihn nicht erkennen konnte, und wartete an einer bestimmten Stelle auf sie, im Glauben, daß sie auf ihrem Weg zum Abendessen an dieser vorbeikommen müßte, nur um sie während ihres Vorbeigehens für einen Augenblick zu sehen.

Als er sie viele Jahre später mit ihrer Tochter traf, die, wie man bereits sehen konnte, einmal genauso hübsch wie ihre Mutter werden würde, unterhielten sie sich eine Weile und unternahmen einen Spaziergang. Er zeigte ihr einen Brief von ihr, - den einzigen, den sie jemals an ihn geschrieben hatte - den er all die Jahre als etwas Besonderes aufbewahrt hatte, denn jeder einzelne Buchstabe in ihm war von ihr.

Auf der letzten Seite
des Briefes: Worte, erwacht
aus ihren Träumen.

Als sie sich trennten und er mit einem kleinen Souvenir, das sie ihm gekauft hatte, an einer grünen Wiese voll von blühendem Löwenzahn vorbeiging, strahlten Tausende von ihnen wie kleine Sonnen; sie waren wirklich Sonnen, und dann wurde ihm klar, völlig klar: wenn es überhaupt so etwas gab, das man wohl empfand, wenn man von „Glücklichsein“ sprach, dann war es jene Art von Glücklichsein, die man fühlt, wenn man sieht, wie jemand, den man einst sehr, sehr geliebt hat, glücklich ist, auch wenn man selbst ganz und gar unglücklich ist.

Kamille

Reginald Horace Blyth schreibt irgendwo, daß Suzuki Daisetz auf die Frage, was mit ihm nach dem Tod geschehen würde, antwortete: „Ich denke, daß ich aus dem Dasein scheide - aber das Verlangen nach einem zukünftigen Leben ist auch eine Tatsache.“
Verlangen ist auch Wirklichkeit, und wenn er sich beim Sammeln von Kamillenblüten wünscht, daß sie bei ihm wäre, ist sie in ihm wie die Blumen, die er sieht, und der Duft, den er riecht:
Gelbe Krümelchen: Rote Lippen:
fünfhundert Blüten Hunderte von Küssen
in einer Schale
Winzige Sonnen mit weißen Strahlen. Als er sie näher betrachtet, bemerkt er, daß die Mitte der jungen Blüten kleine Kegel, die der reifen Halbkügelchen und die der älteren so etwas wie kleine Heuschober sind.
Flos chamomillae - Augen, Lippen, Hals -
Alle Formen der Natur
im selben Gesicht
Sie gleiten durch ihr Haar, vermischen sich mit ihr und verschmelzen ihren Duft mit ihrem.
Der Duft der Kamille Der Atem ihres Haares
wachgerufen durch die Erinnerung
an den Atem ihres Haares an den Duft der Kamille
Kniend sammelt er die Blüten, und hinter ihnen ist der blaue Himmel, für Oktober ungewöhnlich blau, und die Blumenblätter verschmelzen mit ihren Lidern und die
gelbe Blüte mit der schwarzen Pupille des Auges.
Herbstlicher Himmel.
Der milde Duft der Kamille Die zarte Silhouette ihres Gesichtes
entschwindet im Zwielicht
Als er eine Blume bricht, schwankt das ganze Büschel,
zu dem sie gehört, und gemeinsam mit ihren Brüsten,
atmet er die ungewöhnlich warme Luft des frühen Oktobernachmittags.
Im Rasen verstreut -
die lindernden Blüten durch ihre Augen
liebkosen den Traum die gesamte Welt
Er vermag nicht länger den Unterschied zwischen ihrem Gesicht und den Kamillenblüten wahrzunehmen. Beide sind tief in ihn eingedrungen, und versuchte er, nur eines von beiden zurückzurufen, würde er etwas Neues, das beides, Blüte und Gesicht, und dennoch weder das eine noch das andere war, finden.
Unvergeßliche
ewige Schönheit
des Antlitzes der Blüte der Blüte des Antlitzes

Nofretetes Nacken

Als junger Mann war er ein Bewunderer der altägytischen Kunst; und so besuchte er, viele Jahre später, während eines Deutschlandbesuches, die betreffende Abteilung der Staatlichen Museen im (damaligen) West-Berlin.
Die längste Zeit - mehrere Stunden - verbrachte er in einem Raum, in dem unter einer gesicherten Vitrine aus Plexiglas eine Skulptur der altägyptischen Königin Nofretete ausgestellt war. Man konnte um sie herumgehen und sie von allen Seiten betrachten, aus jedem Blickwinkel; das vollkommen gestaltete Portrait enthüllte dann jeweils neue Details und Feinheiten. Vor allem war er jedoch von Folgendem fasziniert: blickte er aus einer etwas erhöhten Position ‘en face’ auf Nofretetes Kopf hinab, offenbarte er eine milde und zarte Weiblichkeit; blickte er jedoch aus einer etwas niedrigeren Position ‘en face’ zu dem gleichen Kopf hinauf, war er das Portrait einer selbstsicheren, stolzen, vielleicht sogar etwas hochmütigen Königin. Aber nicht nur der Kopf zeigte das ausgezeichnete handwerkliche Können des Künstlers und auch die Schönheit des Models, sondern auch Nofretetes Nacken brachte dies zum Ausdruck. Die leicht schräge Verbindung des Körpers mit dem Kopf war in irgendeiner Weise das ausschlaggebende Bindeglied zwischen dem Materiellen und dem Geistigen; einzigartig modelliert, spiegelte sie sowohl ihre warme und weiche weibliche Haut als auch die Vornehmheit ihres Geistes wieder.
Nofretetes Nacken;
eine stolze Königin
und zärtliche Frau.
Wiederum viele Jahre später begegnete er öfter einer Dame, deren Nacken dem von Nofretete ähnelte. Eines Tages trug sie einen Pullover mit einem weiten Halsausschnitt, der all die weichen Rundungen, die Hals und Körper miteinander verbanden, offenlegte. Sie hatte ihr Haar sehr kurz geschnitten, so daß der Übergang zwischen Nacken und Kopf klarer denn je hervortrat. Es war wahrlich Nofretetes Nacken, oder Nofretetes Nacken war eine Skulptur ihres Nackens, als ob Rodin (dem einige Leute aufgrund des Realismus einiger seiner Skulpturen nachsagten, Gußformen benutzt zu haben) ihn modelliert hätte.
Der natürliche Nacken jener Dame war so lebendig, daß selbst Hunderte von Küssen ihn nicht zu bedecken, noch Hunderte von zärtlichen Berührungen
ihn einzuhüllen vermöchten, um ihn durch diese Liebkosung völlig zum Schmelzen zu bringen.
Küsse gleiten weich
entlang der Nackenrundung
- und schwinden dahin.
Und nachdem er sie verlassen hatte, umschwebte die warme Haut des Nackens dieser Dame noch für lange Zeit seine Lippen - und als es bereits Nacht war, und er von etwas träumte, das in Wirklichkeit niemals in Erfüllung gehen könnte, verströmte Nofretetes Nacken, vor mehreren Jahrtausenden modelliert, immer noch auf seinen Lippen die Wärme des lebendigen Nackens jener schönen Dame.
Die Erinnerung an den Nacken bringt die Lippen zum Erglühen, wirbelt Traumes Sehnsüchte auf.

Kuß auf das Auge

Dein Auge ist das Auge aller Mädchen aus allen Ländern und aus allen Zeiten - all dies ist in ihm enthalten, all dies ist nur ein Teil von ihm, und auch es, dein Auge, ist ein Teil von alledem, von all jenen Augen.
...dein Auge zu küssen, wenn die Augenlieder nur mit einigen Regentropfen benetzt sind! Durch die Wärme des Kusses verflüchtigen sich die Tropfen im milchigen, halbdurchsichtigen Nebel, der das Auge noch weicher und noch strahlender macht.
Ein Kuß auf
das Auge - benetzt
mit Regen.
...dein Auge zu küssen, in dessen Pupille sich der Widerschein der Sterne ausstreut. Durch die Helligkeit des Kusses erstrahlt der Glanz all der Millionen Sterne in Millionen von neuen Sternen, was das Auge noch reicher und noch prächtiger erscheinen läßt.
Ein Kuß auf
das Auge - besprenkelt
mit Sternen.
...dein Auge zu küssen in voller, warmer Dunkelheit, wenn ihm die Dichte einer tropischen Nacht entströmt, so dicht, daß sie weder Licht, noch Ton, noch Duft durchdringen kann! Durch die Dunkelheit des Kusses ist das Auge noch dunkler. Alles verschwindet, alles ist ausgelöscht, alles und für immer, und was übrig bleibt, ist allein dein Auge mit einem Kuß auf ihm.
Ein Kuß auf
das Auge - weißglühende
Dunkelheit.
...dein Auge zu küssen und in ihm das Flattern der blauen und weißen Schmetterlinge, die aus dem Kuß geboren werden, zu beobachten. Wie sie von einem zum anderen Auge huschen, wie sie tanzen, Ballettänzern gleich, in Paaren, in Gruppen, in Schwärmen, in Scharen....Wie sie aus dem Auge herausfliegen und wieder hineinfliegen, in seine Abgründe tauchen, immer winziger werden, je tiefer sie hinabsteigen, und dann, wenn sie wieder aus den Tiefen aufsteigen, größer und größer werden, je näher sie kommen, groß wie ein Schwan, wie das Segel eines Bootes, gigantisch wie der Lichtvorhang am Himmel einer Polarnacht.
Ein Kuß auf
das Auge - ein Feuerwerk
von Schmetterlingen.

Maienduft von Blättern aus Apfelbäumen in voller Blüte

Bricht während eines klaren Morgens Gold aus dem Blau des Himmels hervor, glänzt ihr Lächeln im Tau auf den Blättern der Apfelblüte.
Lächeln auf Blütenblättern -
auf jedem einzelnen
ein Armvoll Lächeln.
Weht dann um Mittag leicht eine Brise, tanzt zwischen den duftenden Blütenblättern ihr Lächeln, das wie warmer Schnee durch die Zweige der Apfelbäume flattert.
Tanz der Schmetterlinge,
das Lächeln und die Blüten
der Apfelbäume.
Und sobald die Dämmerung hereinbricht, läutet ihr Lächeln aus den Kirchtürmen; dann fließt es wie lauwarme Milch über Felder und Wiesen, ergießt sich in den mit Blütenblättern der Apfelbäume besprenkelten Bach.
Auf dem Bach,
mit Blütenblättern bedeckt,
windet sich ihr Lächeln.
Bei Nachteinbruch umarmt ihr Lächeln Träume, schwingt sich zu einem Himmel voll von Sternensplittern empor.
Funken am Himmel -
ihr Lächeln: Sterne
auf Erden.
Warum weckt das Flüstern ihrer Liebkosungen, einer zarten Berührung eines flatternden Blütenblattes gleich, die Schlafenden und lullt die Wachen in den Schlaf?
Des Blütenblattes Kuß
ist genau dasselbe wie
des Kusses Blütenblatt.
Ihre verträumten Umarmungen gleiten die Lippen entlang, küssen Wange und Hals, ergießen sich wie ein Wirbel von Apfelbaumblüten aus ihren Augen, ihren Lippen, über ihre Brüste, überströmen Arme, Brust, verschwinden in Abgründen.
Die Wiese bestreut mit
Blütenblättern - der Körper
von Küssen überflutet.
Niemals, so will es scheinen, werden ihn ihre Liebkosungen übersättigen. Er wünschte sich, es gäbe mehr Küsse, als Blütenblätter auf Apfelbäumen sind.
Jedes Blütenblatt
ein Kuß - jeder Kuß
ein Blütenblatt.
Wenn all ihre Blumen in voller Blüte stehen, wird der Frühling dort regieren, wo Blütenblätter zu den Zweigen zurückkehren, und verstreute Küsse zu den Lippen; der Duft der Apfelblüte wird durch die Gebete der Umarmungen gereinigt und gebadet werden.
Der Blütenblätter Farbe ist
der Küsse Duft. Der Küsse Farbe
ist der Blütenblätter Duft.

Kuß

Ich möchte sanft und mild deine Lippen küssen, wie - im Mondlicht - der Schatten eines flatternden Nachtfalters, der über die geschlossenen Blätter einer wilden roten Mohnblume gleitet und diese liebkost.
Der Hauch eines Kusses,
zart berührt er
die Mundwinkel.
Ich möchte dein Haar und deinen Nacken mit den Fingern meiner beiden Hände liebkosen - so zart wie ein Bildhauer, der beim Modellieren des Kopfes eines weißen Engels den gefügigen, warmen und feuchten, weichen Ton berührt.
Finger im Haar,
Haar zwischen den Fingern:
Finger und Haar.
Ich möchte meine Wange auf deinen Brüsten ruhen lassen, ebenso friedlich und still wie ein schlafendes Kind, das - Milchtröpchen noch auf seinen Lippen - im Schoß der Mutter träumt, unter den Sternen zu schweben.
Die Wange auf der Brust:
Brust liebkost die Wange,
Wange liebkost die Brust.
Ich möchte, daß sich die Glieder meines Körpers mit deinen verflechten, wie das Haar in einem Zopf, wie die Wisteriaranken, die sich um die weißen Säulen der Marmorpallisade einer Villa winden.
Verflochtene
Liane von Armen und Beinen - unentwirrbar.
Ich möchte dich durch die Pupillen deiner Augen sehen, deinem Herzschlag lauschen, den Duft deines Atems atmen, die Täler und Hügel deines Körpers umarmen und liebkosen, mich mit ihm verbinden, mit ihm verschmelzen und in ihm aufgehen.
Klang, Duft, Farbe,
Geschmack eines warmen Kusses; Zeitlosigkeit.

Junge

Fremde Soldaten führen eine Gruppe von Menschen ab.

Zur Zwangsarbeit, ins Gefängnis oder zum Exekutionskommando?

Soldaten mit Gewehren über ihren Schultern, in Stiefeln.

Einige der Abgeführten geben auf. Bleibt einer stehen, wird er hingerichtet.

Die Soldaten werden von einem Offizier zu Pferd kommandiert.

Ein Junge geht die Straße entlang. Er hält ein Stück Brot in seiner Hand. Er blickt auf die Soldaten. Auf die Menschen, die abgeführt werden.

Ein Soldat schlägt mit seinem Gewehrkolben auf eine Frau, die ihren Ehemann (oder ihren Bruder?) erblickt hat, ein.

Dem Jungen gelingt es, einem Mann das Stück Brot zu geben.

Die Kolonne entschwindet im Staub.

Der dunkelhäutige Junge
geht froh die Straße entlang:
er war erfolgreich.

Ya-chan

Ya-chan war ein kleines Mädchen aus einem Dorf in der Nähe von Hakata auf der Insel Kyushu.

- Als ich mit Papa nach Hause zurückkehrte, war es bereits spät. Die Haustür war verriegelt. Mama schlief. Wir entschlossen uns, sie nicht zu wecken.

Wir setzten uns in den Garten. Die Nacht war angenehm warm. Wir betrachteten den herrlichen Vollmond und lauschten dem Zirpen der Zikaden.

Wie wohltuend es war!

Wir nickten nicht einmal ein. Die Nacht verging schnell. Als meine Mutter erwachte und das Fenster öffnete, sah sie uns auf der Gartenbank sitzen.

„Oh, wie verrückt Ihr doch seid, beide, Du und Dein Vater!“

- Doch sie meinte es nicht wirklich so und wir waren sehr glücklich.

Vater und Tochter
lauschen den Zikaden.
Ein Erntemond.

Mirogoj*
Im Schatten der Arkaden schmelzen die letzten Inseln der geschippten Schneehaufen dahin. Die Nacht wird von dem Morgen erlöst, der Winter von dem Frühling, und
Auf dem Grabstein
über trockenem Moos
grüner, junger Efeu.
Auf einem der Erdhügel sprießen Schlüsselblumen.
Eine Prozession von ein paar Leuten folgt einem kleinen Sarg - dem eines Kindes; in der Prozession geht unmittelbar hinter dem Sarg ein anderes Kind (ein Bruder?).
Gemeinsam mit der Vögel
Gezwitscher, das Prasseln der Erde auf den kleinen Sarg.
Der Sonnenschein, der sich seinen Weg durch die Wolken bahnt, ist nur lauwarm.
*****
Im Sommer kommen die Menschen auch für einen kleinen Spaziergang hierher. Der Schatten auf den schmalen Wegen unter den Roßkastanien ist angenehm.
Vor der Leichenhalle erweist eine Menchenmenge einem Würdenträger die letzte Ehre. Eine Blaskapelle; Kränze; Reden. Die Glocke am Eingang des Friedhofs läutet lange Zeit, bis die ganze Prozession hineingegangen ist. Die hinten Stehenden können die Rede am Grab nicht hören. Auf dem Rückweg lösen einige, die schwarze Anzüge tragen, ihre Schlipse. Die Hitze ist drückend.
Ein Bronzegriff
am Stein über dem Grab,
von der Sonne erhitzt.
Am Nachmittag -
goldene Lettern auf dem Stein
glitzern in der Sonne.
*****
Die Gräber sind mit reifen, gläzenden, braunen Roßkastanien bedeckt. Hier und dort werden welke Blätter zu Haufen zusammengefegt.
Ich erinnere mich, wie kalt die tränenbenetzten Wangen meines Vaters im Abendwindhauch waren, als ich einst fortging, ohne zu wissen, ob ich jemals zurückkehren würde.
Prächtig das Karmin
der Kletterpflanzen - Chrysanthemen
und Gartennelken.
Eine alte Frau trägt eine mit Wasser gefüllte Blechdose. Der Herbst ist die Jahreszeit des Abends -
Er schüttelt ein Blatt
von seinem Mantel - der Küster schließt das Friedhofstor.
Dichte Vorhänge sinken herab. Unter flockigen Daunenfedern zeichnen sich die eckigen Grabmäler gerundet ab; die Stille fließt langsam dahin. Die Zweige, von denen der Schnee herabgefallen ist, sind schwärzer denn je.
Auf poliertem Marmor,
auf den Stoppeln des Hügels -
dieselbe Kerze, dieselbe Flamme.
Entlang der Wege zwischen den Gräbern räumt ein Traktor die verwelkten Blumen und Kränze, die gespendet wurden, weg.
Und in der Nacht...
Im Licht des Mondes:
Schnee auf den Arkaden -
Hügel von Indigo.

* Mirogoj ist der Hauptfriedhof in Zagreb.

Allerseelen
Der Strom von Bussen brachte reibungslos einen Strom von Reisenden an, eine Vielzahl Lebender, um die Gäste der Toten zu sein.
An den Eingängen
zum Friedhof eine Kerzen-Parade
und Chrysamthemen.
Die einen kaufen irgendeinen Blumenstrauß; andere suchen lange herum, wo sie billiger zu haben sind. Einige brachten ihre eigenen Blumen oder welche aus dem Garten des Nachbarn mit. Ein gewaltiges Gedränge.
Am Tag der Toten
die Wege vom Mirogoj*
wimmeln von Lebenden.
Menschenfluten strömen in Richtung des Großen Kreuzes, um für jene, die nicht hier begraben sind, Kerzen anzuzünden -
Ein Meer kleiner Flammen
am Großen Kreuz - ein Sternen- Himmel auf Erden.
Und die scheinbar unzähligen Gräber dehnen sich unüberschaubar nach allen Seiten hin aus, fast alle mit ihren Blumen und Kerzen.
Ein kleines Grab,
eine spärliche Kerze - ein großes Grab,
eine dicke Kerze.
Und doch werden einige Gräber von niemandem aufgesucht. Vielleicht haben die Nachkommen ihre Vorfahren vergessen, oder es existieren keine Nachkommen mehr. Gemäß den Vorschriften der Friedhofsverwaltung werden Gräber, für die die jährlichen Gebühren nicht bezahlt wurden, umgegraben und verkauft - weil sie angeblich unordentlich aussehen und den Friedhof verunstalten. Hier in einem Haufen aufgegrabener Erde, direkt in der Mitte eines großen Erdklumpens, liegt ein Backenzahn mit einer Füllung.
Ein umgegrabenes,
vernachlässigtes Grab - niemand
bezahlte dafür.
An einem anderen Ort befindet sich eine bekannte Büste:
Eine Nelke auf
des Dichters Grab - jemand
entsann sich ©enoas**.
Aus der Welt der Toten in die Welt der Lebenden zurückgekehrt, steigt eine lange Schlange von Menschen
in die Busse vor der Leichenhalle ein. Die Schaffner drängen sie, dabei zeigen sie auf die Stempelmaschinen der Fahrkarten. Wer keine Fahrkarte hat, muß sie außerhalb des Busses kaufen, um den Fahrer nicht aufzuhalten.
Der gelegentlich kaum hörbare Klang der Orgel in der großen Kapelle am Friedhofseingang dringt noch immer sanft nach draußen.

* Der Hauptfriedhof von Zagreb
** Ein Roman von ©enoa heißt „Die Nelke von des Dichters Grab“.


Hiroshima

Unterhalb des parabolischen Mahnmals, das an der Stelle, wo die Atombombe in Hiroshima fiel, steht, befindet sich ein Stein mit der Inschrift:

Laßt den Fehler niemals wieder geschehen.

(Um 8.15 morgens, japanische Zeit, am 6. August 1945, fiel die Bombe; über hunderttausend Menschen wurden vergast, verbrannten, wurden verstümmelt oder zu Krüppeln gemacht.)

Wessen Fehler?

Ein Vierteljahrhundert später servieren sie in einer Bar in Hiroshima einen „Atom-Cocktail“.

Ein Fehler wird wiederholt.
Jeden Tag,
jeden Augenblick -
Hunderte von Fehlern.

Die olympische Fackel im Hauptstadion von Tokio entzündete ein Mann, der am Tag des Bombenfalls geboren wurde. (Einige Menschen kritisierten dies.)

Ein Fehler?

In dem Mahnmal ‘Atomkinder’ hängen Tausende von origami-Papierkranichen, die von Kindern aus ganz Japan gefaltet wurden.

Kraniche fliegen -
Laßt den Fehler niemals
wieder geschehen.

Erleuchtung

Er, der das andere Ufer erreicht hat, und dennoch hier weilt - um andere mitzunehmen - ist zufrieden, denn er weiß, daß es kein ‘Wissen’ und kein ‘Nicht-Wissen’ gibt.

Die Glückseligkeit des Schmetterlings ist seine Glückseligkeit und die Tränen der Verlassenen fließen aus seinen Augen. Er weiß, daß es kein ‘Ich’ und kein ‘Du’ gibt.

Er besitzt nichts und so ist alles sein eigen: die Schätze der Könige, der Himmel und die Kiefern im Wald. Er weiß, daß es kein ‘Mein’ und kein ‘Dein’ gibt.

Er hat allem entsagt und so ist ihm die ganze Welt geschenkt: alles, was gewesen, was ist und was sein wird. Er weiß, daß es kein ‘Jetzt’ und kein ‘Dann’ gibt.

Über was er nachdenkt, ist Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist seine Einbildungskraft. Er weiß, daß es kein ‘Wachsein’ und keinen ‘Traum’ gibt.

Nicht einmal sein Dasein im Hier nimmt er wahr - solcherart ist seine Freiheit. Auf Erden lächelt er mit dem Lachen der Gottheiten, auf dem Meer segelt er im Himmelsboot, und während er Brot und Wasser zu sich nimmt, genießt er Nektar und Ambrosius.

Wieder zuhause,
greift er nach dem Schlüssel zum
Zimmer der Liebsten.

Kami

Ich bestieg einen der ältesten Berge Japans, auf dem Bäume wachsen, Abkömmlinge von Bäumen, wie sie heute nirgends mehr zu finden sind. Hier, genau auf der Spitze des Berges, steht eine Zeder, Hunderte von Jahren alt, mit in Felsspalten gezwängten knorrigen Wurzeln, die einen harten Erdklumpen pressenden Fingern gleichen.
In einer Höhle unterhalb dieser Wurzeln wohnt die Gottheit des Berges, ihr Geist: Kami. Sie wurde gemeinsam mit dem Berg geboren. Sie ist genauso alt wie der Berg selbst.
- Als ich den hier entlangführenden Pfad hinaufstieg, überholte mich ein junges Mädchen. Es erzählte mir, daß jemand, der Wasser aus dem Bach in diesem Berg trinkt, niemals stirbt und auch nicht altert - daß er in jedem Frühling ebenso jung, glücklich und rein erwacht, wie der zu Tal fließende Bach. Später traf ich jedoch einen alten Mann, der auf dem Rückweg war und mir erzählte, daß in dem Bach kein Wasser fließt, sondern die Tränen der Enttäuschten. Sagt mir: Was ist W a h r h e i t ?
- Wenn du die W a h r h e i t erkennst, bist du allein.
- Das Mädchen, das ich traf, erzählte mir, daß es auf dem Weg zu einem unterhalb der Bergspitze liegenden Tempelgarten war, wo Chrysanthemen gezüchtet werden, die nur die hübschesten Mädchen umsorgen dürfen. Der alte Mann sagte jedoch, daß es hier keinen Bergtempel mehr gäbe, die Mönche alle verstarben und bald danach die Chrysanthemen zugrunde gingen. Sagt mir: Was ist S c h ö n h e i t ?
- Wenn du S c h ö n h e i t erfährst, bist du allein.
- Das Mädchen erzählte mir: „Wir werden die verrotteten Hütten im Dorf abreißen, wir werden die mit Schimmel bedeckten Dielenbretter verbrennen, und aus der Asche werden Blumen der Fröhlichkeit wachsen. Wir werden die Tränen der Gedemütigten und der Beschimpften hinwegwischen.“ Und der alte Mann: „Horden von Feinden brachen ein; sie zerstörten die Gräber großer Männer und warfen ihr Gebein den Hunden vor. Wir erstickten unsere Schreie; wir stießen unsere abgebrochenen Nägel in unsere Kehlen. Schurken und Feiglinge zogen die Siegeruniform an: einige aus Angst, einige aus Zynismus, einige mit Herrschaftspose. Und sagten wir zu einem Halunken, daß er ein Halunke sei, sprangen alle Halunken auf, um uns zu vernichten.“ Sagt mir: was ist G e r e c h t i g k e i t ?
Wenn du für G e r e c h t i g k e i t kämpfst, bist du allein.
- Das Mädchen sagte, daß es einen jungen Mann liebe und er sie auch, und daß sie einander für immer lieben würden. Der alte Mann wurde jedoch von seiner Frau und seiner Tochter betrogen, und selbst seine Mutter betrog ihn. Sagt mir: Was ist
L i e b e ?
- Solange du allein bist, fühlst du keine L i e b e .
Der graue Abendnebel begann zwischen die Zedern zu kriechen; es war frisch, naßkalt, und Tautropfen sammelten sich auf dem Haar - es wurde durch die Feuchtigkeit schwer. Ich ging hinunter, zurück in das Dorf. Aus den Hütten sah man durch den Nebelvorhang hier und dort schwach das Flackern von Licht.
Das Dorf in Finsternis -
Lichtfunken hier und dort.
Rückkehr nach Hause.

Krieg und Frieden

Als kleines Mädchen war es in Tränen ausgebrochen, wenn es ein Pferd im gefrierenden Regen, angeschirrt, sein Fell hilflos zitternd, sah, während der Kutscher in der warmen und geheizten Kneipe trank...Es warf halbverwelkte Blumen nicht weg, sondern stellte sie in die Speisekammer, damit sie sich wieder ein wenig erholen konnten... Schon oft war es bei dem alten Mann mit seiner Waage vorbeigekommen, und eines Tages ging es zu ihm, nannte sein Gewicht, drückte ihm eine große Banknote in die Hand und rannte, so schnell es konnte, weg, um sich seinem Blick zu entziehen - während der verduzte alte Mann sich zur Kirche hinwandte, sich verneigte und sich dabei bekreuzigte... Einmal stürzte es sich während eines Sturms von den Klippen in die Wellen, um mit ihnen verbunden zu sein, mit ihnen eins zu werden, nicht einmal es selbst wußte oder dachte darüber nach, was es tat, und es konnte nur mit Mühe verhindern, von den Wellen an den Strand geworfen zu werden, während der sich dort aufhaltende Fischer voller Entsetzen seinen Kopf mit den Händen festhielt und auf und ab rannte...

Als der Krieg ausbrach, war es noch sehr jung, und was es den Angreifern verübelte, war nicht nur, daß sie selbst töteten, sondern andere zwangen, sie zu töten... Hungrig und bis auf die Knochen durchgefroren, wanderte es nachts durch den Winterwald, viele Stunden, und kehrte erschöpft an die Stelle, an der es den zugefrorenen Bach überquert hatte, zurück. Und als es von irgendwoher Gebell hörte, brach es in diese Richtung auf... Ein Soldat griff es mit einem aufgepflanzten Bajonett an, und es schoß, schoß, und der Soldat fiel. Dann rannte, stürmte es unter Kugelhagel vorwärts, um zu dem Mann, den es um jeden Preis zu retten galt, zu gelangen... Und nach seiner Gefangennahme schlitzten sie seine Füße mit Bajonettklingen auf, und als sie anfingen, es an den Haaren zu zerren, entkam es nur wie durch ein Wunder etwas Schlimmerem...

Viel später, als es erkrankte, wurden die Lebensumstände hart für das Mädchen. Sehr oft wollte es weggehen, für immer weggehen, irgendwo wiedergeboren werden, aber nicht in einer Stadt mit Menschen, sondern in einem großen, stillen Wald, unter Immergrün und Farnen, es wollte eine Art Flechte oder Moos sein, wie jene, die sich mit grauen, braunen, grünen und gelben Flecken an die Birkenrinde schmiegen.

Eines Abends, als es die Wolken in ihren verschiedenen Farben und Formen beobachtete, wie sie von Norden nach Süden wanderten, eine nach der anderen, gemeinsam, wie sie ihre Umrisse wechselten, geboren wurden und starben, wie Schicksale, fühlte es, daß gerade diese Wolken die ewige Wahrheit und die ewige Wirklichkeit waren, während alle anderen Dinge, so starr und schwer, nur ein flüchtiger Anschein waren.

Botschaft an die Grenzwachen

Ihr seid Soldaten dieses Landes. Von euch hängt seine Freiheit ab.

Laßt einen Feind, der an unseren Küsten zu landen beabsichtigt, wissen, laßt ihn wissen, daß dieses Land vom Schweiß und vom Blut unserer Vorfahren getränkt ist, laßt ihn wissen, daß ihre Gebeine überall verstreut liegen. Laßt ihn wissen, daß dieses Land ein teures Land ist, jeder Quadrat Fuß die Kosten eines Kopfes.

Laßt jeden Feind, der dieses Land erobern möchte, wissen: laßt ihn wissen, daß jeder unserer Männer, jede unserer Frauen und jedes unserer Kinder sein Gegner sein wird. Laßt ihn wissen, daß jeder Baum und jeder Stein in diesem Land sein Gegner sein wird. Laßt ihn wissen, daß er Tag und Nacht von Gegnern umgeben sein wird.

Laßt nach der Schlacht, nachdem ihr die Leichen eingesammelt habt, das Begräbnis unter militärischer Zeremonie stattfinden, für unsere toten Soldaten und für die toten Soldaten unseres Feindes.

Und ist das letzte Schiff der zerschlagenen Armee des Feindes hinter dem Horizont verschwunden, dann legt eure Speere nieder und kehrt zu euren Familien zurück. Und kümmert euch um die Kinder eurer gefallenen Kameraden; sie werden, wenn sie erwachsen sind, eine neue Schlacht gegen einen neuen Feind führen.

Weiße Blume

Auf der Wiese, im Wald, im Garten - überall hielt ich Ausschau nach ihr.

Ich sah viele weiße Blumen: Hirtentäschel, Morgenwinde, Narzisse, Lotos...aber sie waren nicht jene eine, nach der ich suchte.

Ich hielt nach jener Ausschau, die vor ihrer Blüte innen weiß war.

Oft glaubte ich, sie zu sehen - näherte ich mich ihr jedoch...

In diesem Augenblick wieder: Ich sitze auf einem gefällten Baumstamm, und meine, sie dort unten unter den Farnen zu sehen. Soll ich näher herangehen und sie mir anschauen?

Kann jedoch irgend jemand wirklich die weiße Blume finden, indem er nach ihr Ausschau hält? Wächst sie nicht stets gerade an den Stellen, wo niemand Ausschau hält?

IZDAVAČ: FS d.o.o. Zagreb
ZA IZDAVAČA: Vilko Žiljak
PREDGOVOR: Vladimir Devidé
DIZAJN KATALOGA: Jana Žiljak
TISAK: FS - digitalni tisak XEIKON
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Zum Haibun

Das japanische Haibun ist eine literarische Form, in der eine Art Gedicht in Prosa und Haiku miteinander abwechseln. Dabei ist das Haiku oft eine Art Resümee des vorangegangenen Textes oder ein Prosaabschnitt in gewissem Sinn eine thematische Wiederaufnahme des vorangegangenen Haiku. Literarische Formen solcher Art, in der Prosa und Poesie abwechseln, haben in Japan eine lange Geschichte und sind sehr beliebt. Zumeist handelt es sich dabei um Tagebücher (wie z. B. das klassische ‘Tosa Nikki’ von Ki no Tsurayuki), um Sammlungen von Skizzen (wie z. B. das ‘Makura no sôshi’ von der Hofdame Sei Shônagon) oder um Reisebücher (wie z.B. Bashôs ‘Oku no hosomichi’). Näheres zum Haibun siehe Lydia Brüll, ‘Was ist ein Haibun’, in ‘Vierteljahresschrift der deutschen Haiku-Gesellschaft’ Nr. 41, Juni 1998, S. 2 bis 11 und Fortsetzungen.